Wiedergeburt im Wurstkessel - 22. November 1950, Stuttgart – 11FREUNDE

Beson­dere Anlässe erfor­dern beson­dere Worte. »Der Krieg, der das Land mit Stahl übergoß und seine Erde in Blut tauchte«, textet im November 1950 »SportMagazin«-Autor Heinz Kron mit zitt­riger Hand, »hat in seinen ver­hee­renden Aus­wir­kungen auch die Fuß­baller ver­sprengt.« Zeit­zeuge Kron hat allen Grund für pathe­ti­sche Worte: Am 22. November 1950 spielt die deut­sche Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft gegen die Schweiz. Es ist das erste Län­der­spiel der jungen Bun­des­re­pu­blik seit dem 2. Welt­krieg.

Und tat­säch­lich hat es Bun­des­trainer Sepp Her­berger nicht leicht, eine anstän­dige Mann­schaft für die Partie in Stutt­gart zu mobi­li­sieren. Neun der zwölf ein­ge­setzten Spieler werden schließ­lich Debü­tanten sein. Viele seiner Schütz­linge von einst kann Her­berger noch nicht einmal als Ehren­gäste ins Neckar­sta­dion laden – sie schon lange tot oder noch in Gefan­gen­schaft, der Jugend beraubt durch das eigene kriegs­geile Volk, blinden Fana­tismus und die Waffen der Gegner.

Wunden lecken, über­leben

Gute fünf Jahre sind seit der bedin­gungs­losen Kapi­tu­la­tion am 7. Mai 1945 ver­gangen, gute fünf Jahre ist der »Führer« bereits tot, er, der die Fuß­baller wie Mil­lionen anderer Men­schen in die Kata­strophe hatte schlid­dern lassen, nahm sich am 30. April 1945 selbst das Leben. Fünf Jahre lang Trüm­mer­frauen, Ange­hö­rige suchen, Wunden lecken, über­leben. Können Men­schen in sol­chen Zeiten an Fuß­ball denken?

Die Deut­schen können das durchaus. Fuß­ball in den Ober­ligen bis runter zum hei­mi­schen Dorf­platz wird zum Opium fürs Volk. Die ersten Lokal­he­roen werden zu regio­nalen Helden, jetzt ver­langt das Volk nach einer neuen natio­nalen Grö­ßen­ord­nung. Doch der Welt­ver­band FIFA ver­hin­dert zunächst die Auf­nahme West­deutsch­lands in den erlauchten Kreis inter­na­tional aner­kannter Fuß­ball-Nationen. Erst eine Tagung in Brüssel, am 22. Sep­tember 1950, bringt die Wende: Deutsch­land ist wieder wer. Zumin­dest in der Mit­glie­der­liste der FIFA. Jetzt hat man es eilig. Schon zwei Monate später soll das erste Län­der­spiel des FIFA-Neu­lings statt­finden.

Aus­ge­rechnet Stutt­gart. Aus­ge­rechnet der 22. November

Aus­ge­rechnet Stutt­gart. Fast acht Jahre vorher, am 1. November 1942, hatte Nazi-Deutsch­land hier sein letztes Heim­spiel aus­ge­tragen – ein 5:1‑Erfolg gegen Kroa­tien. Aus­ge­rechnet der 22. November. Genau acht Jahre zuvor hatte die Mann­schaft von Sepp Her­berger ihr letztes Spiel absol­viert – ein 5:2‑Sieg gegen die Slo­wakei. Danach: Fast das Ende der Welt.

Dass 1950 in Stutt­gart wieder Fuß­ball gespielt wird, grenzt des­halb fast an ein Wunder. Gegen die Schweiz schickt Her­berger fol­gende Mann­schaft auf den Platz: Turek – Bur­denski, Streitle, Kupfer, Bau­mann, Barufka – B. Klodt, Mor­lock, O. Walter, Balogh, R. Herr­mann. Kurz vor dem Abpfiff wird Röhrig die his­to­ri­sche Auf­stel­lung noch ergänzen. Ein Name fehlt: Fritz Walter. Einst nazi­deut­sches Wun­der­kind, dann vom Krieg geschluckt, wieder aus­ge­spuckt und nun eigent­lich Her­ber­gers wich­tigster Mann. Der »Chef« lässt den Pfälzer draußen. Und Fuß­ball-Deutsch­land hat seinen ersten Län­der­spiel-Skandal. Warum spielt Walter nicht? Drei mög­liche Ursa­chen werden der Presse genannt: eine simple Knie­ver­let­zung, ein Ner­ven­zu­sam­men­bruch, Ärger über nega­tive Kri­tiken. »Fritz Walter benimmt sich wie eine hys­te­ri­sche Film­ziege«, schreibt einer. Von »Wein­krämpfen und Ner­ven­schocks« wissen andere. Des Rät­sels Lösung kennt nie­mand, nicht mal das »Sport­Ma­gazin«, das nach dem Spiel textet: »Die Rech­nung wäre mit ihm noch glatter auf­ge­gangen, doch sie tat es auch ohne ihn!«

»Das Tor begleitet unsere Familie bis heute.«

Denn Deutsch­land gewinnt mit 1:0, ein Elf­meter von Her­bert Bur­denski, dem Vater des spä­teren Bun­des­liga-Tor­warts Dieter, ent­scheidet das Spiel zu Gunsten der Gast­geber. Vier Tage später wird der Tor­schütze Vater, Sohn Dieter wird später sagen: »Das Tor begleitet unsere Familie bis heute.«
Ein Fuß­ball­fest? Auf dem Rasen schon. Auf den Rängen im völlig über­füllten Neckar­sta­dion kommt es der­weil fast zur Kata­strophe. 115.000 Men­schen drängen auf die zum Teil vom Regen völlig auf­ge­weichten Natur-Tri­bünen, wer keine Karte ergat­tert hat, schneidet sich ein­fach ein Ein­stiegs­loch in die Umzäu­nung. Am Tag nach dem Spiel berichten Zuschauer von einem »Wurst­kessel, in dem Steh­platz­be­su­cher drin­ge­steckt hätten«. »Wir sahen nicht anders aus als Infan­te­risten nach schwie­rigster Gelän­de­übung. Zer­schunden und zer­schlagen«, bemüht ein Beob­achter den mili­tä­ri­schen Ver­gleich.

Immerhin: Die gewal­tige Men­schen­menge bildet eine gran­diose Kulisse für dieses erste Län­der­spiel, das Sepp Her­berger schnell als »Wie­der­ge­burt für unsere Natio­nalelf« beju­belt. Als vor dem Spiel die Hymnen gespielt werden, spielt die Musik nur für die Gäste. Weil die junge Bun­des­re­pu­blik noch keine eigene Hymne besitzt, schweigt das gesamte Sta­dion für exakt eine Minute. Und als Schieds­richter A. E. Ellis nach 90 Minuten abpfeift, steigen Raketen in den Stutt­garter Himmel. »SportMagazin«-Autor Frie­de­bert Becker, gerade erst von der Welt­meis­ter­schaft aus Bra­si­lien wie­der­ge­kehrt, will gar süd­ame­ri­ka­ni­sche Lei­den­schaft gesehen haben: »Übri­gens: Knall­ra­keten! Rio scheint schon Schule zu machen. In Stutt­gart stiegen einige. Nun stellt euch Hun­derte, Tau­sende sol­cher vor. Und ihr bekommt einen kleinen Begriff vom »akus­ti­schen Feu­er­werk« einer Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft!«

Schon wieder eine füh­rende Rolle?

Becker ist es auch, der den deut­schen Fuß­bal­lern im Über­schwang der Begeis­te­rung das Prä­dikat Welt­klasse ver­passt. »Aber ich darf doch sagen: z.B. der Dritte der Welt­meis­ter­schaft, das präch­tige Schweden, spielte nie­mals stärker als hier diese deut­sche Elf!« Genüss­lich zitiert Beckers Blatt auch Schieds­richter Ellis, der beim anschlie­ßenden Ban­kett, viel­leicht auch vom ein oder anderen alko­ho­li­schen Kalt­ge­tränk eupho­ri­siert, seine Mei­nung kundtut: »Ich habe viele Spiele in Europa und kürz­lich auch bei der WM in Rio de Janeiro geleitet und behaupte, dass der deut­sche Fuß­ball schon wieder eine füh­rende Rolle mit­zu­spielen vermag.«

Der 2. Welt­krieg, die von den Deut­schen ange­zet­telte Kata­strophe aus Stahl und Blut, ist am 22. November 1950 zwar noch längst nicht ver­geben und ver­gessen. Doch die frisch in die Welt­ge­meinde auf­ge­nom­mene Fuß­ball-Nation hat zumin­dest den ersten Schritt in Rich­tung Nor­ma­lität getan. Vier Jahre später feiert Her­berger mit seiner wie­der­ge­bo­renen Natio­nalelf gar den Welt­meis­ter­titel. In der Schweiz. Beim 3:2 gegen Ungarn stehen mit Mor­lock, Turek und Ottmar Walter drei der zwölf Spieler von Stutt­gart auf dem Rasen.

Neben der Leiche liegt ein Taschen­messer

Viel­leicht wäre auch Fritz Balogh einer von ihnen gewesen, doch der Preß­burger, der gegen die Schweiz sein Debüt gegeben hat, stirbt am 14. Januar 1951. Auf der Heim­fahrt vom Ober­liga-Süd-Spiel seines VfL Neckerau bei Bayern Mün­chen stürzt Balogh zwölf Kilo­meter vor Ulm aus dem Zug. Neben der Leiche findet man ein Schweizer Taschen­messer. Ein Gast­ge­schenk vom 22. November 1950.

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