Würde ich hier die Geschichte meines faktisch ersten Stadionbesuches erzählen, wäre sie vermutlich nach drei Zeilen beendet. Schalke gegen Wolfsburg, in Wolfsburg. Ich war über familiäre Kontakte in die VW-VIP-Lounge geschleust worden, das Spiel war so langweilig, dass ich das Ergebnis vergessen habe. Alles nicht so aufregend und so wenig elektrisierend, dass ich ein paar Jahre vorspulen will, um von meinem ersten „richtigen“ Stadionbesuch zu erzählen. Der beginnt auf einem Busparkplatz in Kassel, meiner Heimatstadt. Nach Gelsenkirchen soll es gehen, Schalke spielt am 26. Spieltag gegen die Frankfurter Eintracht.
Kuttenträger und Landesverrat
Aufgewachsen bin ich gefühlt nur unter Bayern-Fans, deren Vereinswahl grundsätzlich nie hinterfragt wird, und unter BVB-Fans („Ich war schon vor 2011 Fan, ehrlich!“), für die mittlerweile das gleiche gilt. Aber Schalke? „Kommst du aus der Ecke, oder was?“ Negativ. „Aber wenn du aus Hessen bist, dann müsstest du doch eigentlich Eintracht-Fan sein, oder?“. Geht auch nicht, wenn man als Nordhesse den Süden unterstützt, ist man schneller verstoßen, als man glaubt. Schalke ist mir vererbt worden, klar, denn ein erfolgsabhängiges Fan-Dasein scheidet ja eher aus. Und gegen sein Erbe kann, darf und will man sich irgendwann auch gar nicht mehr wehren. Da meine Wohnlage und mein Alter es nicht zuließen, am Wochenende mal eben nach Gelsenkirchen zu fahren, beschränkte sich meine Unterstützung auf Sportschau-Samstage. Diese brachten mir wiederum im Meisterschaftsfinale 2001 Tränen und den Verlust des Glaubens an die Menschheit, einen Gott und Gerechtigkeit.
2011, ich war gerade 15 geworden, sollte es aber nun endlich soweit sein. Ich stand mit meinem Vater auf besagten Busparkplatz und obwohl es fast April war, war es verdammt kalt. Ich hatte im Vorraus erwartet, ausschließlich mit Eintracht-Fans zu fahren, die mir 200 Kilometer lang vorwerfen, dass ich mit meiner Vereinswahl Verrat am Land Hessen begangen habe. Aber es kam ganz anders. Der Bus war ausschließlich mit Schalke-Fans besetzt, die alle im orginalen Herbert-Schwakowiak-Style gekleidet waren und sich auch exakt so benahmen. Es fehlte nur der passende Terrier namens „kleiner Schalke“.
Die Busfahrt selbst war dann auch eher unangenehm. Ich bin heute noch fest davon überzeugt, dass mir der Alkohol-Dunst von hinten, wo die Kuttenträger saßen, meinen ersten Rausch bereitete, und zu allem Überfluss wurde ich – wie sollte es auch anders sein – zur Losfee für die noch im Bus stattfindende Tombola berufen. Der Hauptpreis war eine Schalke-Uhr, die so hässlich war, dass ich nicht mitmachte, aus Angst, tatsächlich zu gewinnen.