Bei seinem ersten Spiel als neuer Trainer des FC Augsburg dürfte Jess Thorup direkt merken, dass Bundesliga nicht nur Dortmund gegen Bayern vor 80.000 Menschen im Westfalenstadion bedeutet. Das deutsche Oberhaus, das heißt auch: Sonntag, später Nachmittag, Voith-Arena in Heidenheim und und eine DAZN-Einschaltquote, die mal wieder gegen Null tendieren dürfte. Es ist nicht alles Gold, was glänzt im Premium-Produkt Bundesliga, gerade der Abstiegskampf (mit dem Augsburg wahrscheinlich etwas zu tun haben wird) ist harte Arbeit. Dieser Arbeit geht seit Sonntag nun Jess Thorup beim FC Augsburg nach.
Der 53-Jährige folgt beim FCA auf Enrico Maaßen. Der scheiterte in Augsburg daran, eine fußballerische Weiterentwicklung anzustoßen. Es sollte weg vom defensivorientierten, kontergeprägten FCA-Stil der letzten Jahre, hin zu mehr Ballbesitz. Wer die letzten Augsburger Spiele unter Maaßen verfolgt hat, konnte erkennen, dass er nicht nur an der Weiterentwicklung des FCA-Fußballs gescheitert ist. Augsburg hat sich unter Maaßen sogar zurückentwickelt. Die wenigen Stärken, die sie hatten — eine stabile Defensive und einigermaßen gefährliche Konter — sind ihnen während der letzten 15 Monate auch noch abhanden gekommen. Böse formuliert könnte man sagen: Mittlerweile haben sie die offensive Durchschlagskraft von Eintracht Frankfurt und die defensive Stabilität von Borussia Dortmund.
Jess Thorup — eine spannende Entscheidung
Daher nun der Trainerwechsel. Jess Thorup muss die Mannschaft schnell wieder auf die Beine bekommen. Die Fuggerstädter können sich nicht erlauben, noch mehr Boden auf die Abstiegsplätze zu verlieren. Auch deswegen ist es eine spannende Entscheidung, einen Bundesliga-Neuling als Trainer zu holen. Gleichwohl wird man das Gefühl nicht los, dass die Augsburger hier eventuell einen kleinen Coup gelandet haben könnten. Schließlich hat der FCA mit Jess Thorup einen Trainer verpflichtet, der sich vermutlich auch für Aufgaben in einem höheren Regal empfohlen hatte.
Denn: Thorup hat bisher vor allem Teams trainiert, deren natürliches Habitat eher in den oberen Tabellenregionen liegt. Zwei Profimannschaften hat er in Dänemark betreut, Midtjylland und Kopenhagen, mit beiden wurde er je einmal Meister. Ein durchaus erfolgreicher Coach. Zwischen seinen Stationen in Dänemark hat Thorup von 2018 bis 2020 in Belgien gearbeitet. KAA Gent hat er in der Saison 2019/20 sogar in die Europa League geführt.
Seine Station in Genk allerdings ist etwas außergewöhnlicher: Dort folgte er Ende September 2020 auf DFB-Nachwuchsdirektor Hannes Wolf und sollte dessen verunglückten Saisonstart retten. Doch eine Ausstiegsklausel über 550.000 Euro ermöglichte es ihm nach nur 39 Tagen seinen Hut wieder zu nehmen und gen Kopenhagen zu ziehen. Die Entscheidung, Genk so früh und plötzlich wieder zu verlassen, stieß sowohl Fans als auch Verantwortlichen sauer auf. So aber konnte Thorup den größten Verein seiner Laufbahn trainieren und in der Champions League an der Seitenlinie stehen.
Kein Selbstläufer
Jetzt also statt Königsklasse Abstiegskampf in der Bundesliga. Als Spieler war er selbst mal in Deutschland aktiv, der ehemalige Stürmer schoss beim damals zweitklassigen KFC Uerdingen mickrige drei Tore in seiner einzigen Saison. Auch als Trainer hatte Thorup mit dem deutschen Fußball Berührungspunkte: In seiner letzten Saison bei Kopenhagen hatte der Däne ein Gastspiel im Dortmunder Westfalenstadion. Dort gab es allerdings eine 0:3‑Pleite. Vielleicht ganz gut, dass Augsburg erst im Mai die Reise nach Dortmund antreten muss, historisch sind Auswärtsspiele des FCA beim BVB keine Selbstläufer.
Ein Selbstläufer wird Thorups Engagement beim Tabellen-15. der Bundesliga mit Sicherheit auch nicht. Es muss für den Dänen jetzt erst einmal darum gehen, die Fuggerstädter zu stabilisieren. Dementsprechend waren auch seine Anweisungen bei den ersten Trainingseinheiten: Er fokussierte sich darauf, die Augsburger wieder einen einfachen, aber offensivorientierten Fußball spielen zu lassen. „Think fast, play fast“ soll Thorup immer wieder über den Platz gerufen haben. Er erwartet von seinen Spielern, den Ball schnell in Richtung gegnerisches Tor zu bringen. Eine neue Idee für die Offensive scheint auch bitter vonnöten: Das in dieser Saison schon fast zum einzigen offensiven Ansatz verkommene „Ball-zu-Demirović-und-dann-hoffen“ muss unter Thorup der Vergangenheit angehören.
Eine wichtige Frage stellt sich noch vor Thorups erstem Spiel als Augsburg-Trainer: In welcher Grundordnung wird seine Mannschaft auflaufen? In seiner Karriere hat der Däne fast ausschließlich mit einer Viererkette spielen lassen. Der Kader des FCA bietet sich allerdings für eine Dreier- respektive Fünferkette an, auch Maaßen hatte in seinen letzten Spielen stets drei Innenverteidiger aufgestellt. Thorup wäre sich nicht schlecht beraten, dem Beispiel seines Vorgängers zu folgen. Zum einen aufgrund des vorhandenen Spielermaterials, zum anderen um den Spielern zumindest die Sicherheit der bekannten Formation zu gewähren. Thorup hat jetzt mit Heidenheim eine lösbare Aufgabe vor der Brust, um erfolgreich in sein Engagement zu starten. Und wenn um 17:30 Uhr sein erstes Spiel als Trainer in Deutschland beginnt, werden das mit Ausnahme der Fans im Stadion wohl nicht allzu viele Menschen live mitbekommen. Schade eigentlich, denn mit dem Dänen haben die Augsburger einen spannenden Trainer in die Bundesliga geholt.