Im Schatten der 900 Tore

Den letzten großen Auf­tritt hatte Bojan am 19. März 2011. Das Nou Camp hul­digte ihm bei seiner Aus­wechs­lung, 81.913 Zuschauer, pol­ternder Bei­fall. Es war nicht nur das Füh­rungstor gegen Getafe, ein abge­fälschter Links­schuss zum 2:0, das die Stan­ding Ova­tions los­trat. Bojan hatte sich mal wieder in die blau-roten Geschichts­bü­cher ein­ge­tragen. Sein Ein­satz machte ihn zum jüngsten Spieler im Klub der Hun­derter. Eine magi­sche Grenze. ​Ich bin sehr stolz auf die Arbeit, die ich bis hierhin geleistet habe“, spru­delte der Spa­nier nach der Partie mit einer Unbe­fan­gen­heit in die Mikro­fone, die man nur als 20-Jäh­riger besitzt. Man konnte sich Bojan als glück­li­chen Men­schen vor­stellen.

Bis, ja, bis er, die Stirn plötz­lich in Falten gelegt, einen zweiten Satz nach­schob, mit dünner Stimme, ganz langsam. ​Ich brauche solche Spiele. Es geht darum, den Glauben an mich selbst zu bekommen und den Gedanken, dass ich wichtig bin für mein Team.“ Ein ver­baler Peit­schen­hieb. Spiele brau­chen. Glauben bekommen. Es waren die Worte von einem, der Bestä­ti­gung sucht. Die Worte eines Stür­mers, der zu oft auf der Bank sitzt. Worte des Selbst­zwei­fels. Bojan gab Ein­blick in seine deli­kate Situa­tion.

Natür­lich, mit 20 Jahren schon hun­dert Spiele für den großen, den ruhm­rei­chen FC Bar­ce­lona, das klingt fan­tas­tisch. Ein Blick in die Sta­tistik rela­ti­viert das Sen­sa­tio­nelle dieser Bilanz aller­dings schnell, und dann erschließt sich auch das kum­mer­volle Inter­view: In 64 Par­tien kam Bojan nur von der Bank, meist wird der Flü­gel­stürmer erst im letzten Drittel des Spiels ein­ge­wech­selt. Steht er doch schon zum Anpfiff auf dem Rasen, wird ihm die Ein­satz­zeit nach hinten beschnitten. 25 Mal musste der Sohn eines ser­bi­schen Vaters und einer kata­la­ni­schen Mutter vor­zeitig vom Feld, durfte nur elf Spiele über die volle Distanz bestreiten. Solche Zahlen lassen sich auf vie­lerlei Weise deuten. Im Fall Bojan drängt die Frage: Zu wenig Ein­sätze für einen Stürmer oder zu viele Ein­sätze für einen erst 20-Jäh­rigen – oder aber die rich­tige Mitte aus För­dern und For­dern?

Das Dream Team darbte vor sich hin
Für eine Ant­wort und um das Phä­nomen Bojan zu begreifen, braucht es einen Blick in die erste Saison. Als Bojan 2007 sein Debüt in der Liga gegen CA Osa­suna feiert, erin­nert der FC Bar­ce­lona allen­falls sche­men­haft an die Cham­pions-League-Sieger von 2006. Das eins­tige Dream Team darbt von sich hin. Ronald­inho tanzt nicht mehr, er stol­pert. Lionel Messi und Samuel Eto’o kurieren lange Ver­let­zungen, Thierry Henry, neu ver­pflichtet, kommt nie richtig an. Bojan bedient die Sehn­sucht des Publi­kums nach einem neuen Talent aus der eigenen Jugend. Seit seinem neunten Lebens­jahr hat er La Masia besucht, die land­häus­liche Aka­demie. Er hat sich in der B‑Mannschaft einen Namen gemacht. Er will sich auch hier einen Namen machen.

Sein Ruf eilt ihm voraus: Bojan reißt Vie­rer­ketten über die Flügel auf, lauert aber auch im Angriffs­zen­trum auf Steil­pässe. Mit dem ersten Kon­takt kon­trol­liert er den Ball, der zweite schickt ihn gen Tor. Im Eins-gegen-Eins mit dem Tor­wart bleibt der schmäch­tige Sprinter fast immer Sieger.

Er strei­chelt den Ball mit der Innen­seite ins lange Eck oder sucht diesen zeit­losen Moment vor dem Tor­wart, da man schon mit dem Zusam­men­prall rechnet, ehe er das Leder noch ins Netz und sich in die Luft drückt. So auch an diesem 16. Sep­tember. Als ihn Xavi im Straf­raum frei­spielt, zieht Bojan den Ball mit der Ferse über den her­an­stür­zenden Tor­wart, zehen­spitzt über die Grund­linie und schmet­tert dann ans Außen­netz. Der Neu­ling schüt­telt ver­kniffen den Kopf. Auf der Bank ver­gräbt Ronald­inho ein ungläu­biges Lachen in den Händen. Fünf Wochen später macht Bojan sein erstes Tor. Neun wei­tere folgen in einer Saison, an deren Ende Frank Rij­kaard ent­lassen wird.

Zur Spiel­zeit 2008/09 tritt Josep Guar­diola die Nach­folge des Nie­der­län­ders an. Bojan holt die Ver­gan­gen­heit ein: Guar­diola war es, der sich gegen den frühen Auf­stieg des Talents in die erste Mann­schaft sperrte. Der Coach will ihn noch länger in der von ihm trai­nierten Reserve ent­wi­ckeln. Bojan lehnt ab, erzwingt sein Debüt. Jetzt, da Guar­diola wieder Trainer ist, läuft es nicht. In der Spiel­zeit, die mit sechs Titeln zur erfolg­reichsten aller Zeiten avan­ciert, trifft der Teen­ager nur zehn Mal in allen Wett­be­werben. Reagiert Guar­diola nach­tra­gend? Viel­leicht, sagt Ivan San Antonio. Er berichtet für die spa­ni­sche ​Diario Sport“ exklusiv über den FC Bar­ce­lona. ​Nach seinem Tor bei Getafe zuletzt saß Bojan gegen Vill­areal wieder nur auf der Bank“, zürnt der spa­ni­sche Jour­na­list. ​Das ist ein­fach nicht logisch.“ Natür­lich weiß auch San Antonio um die Drei­fach­be­las­tung aus Meis­ter­schaft, Pokal und Cham­pions League. Bojan aber werde nicht rotiert, kri­ti­siert er, son­dern rasiert. So schaffe er es nicht, in die Stürm­er­pha­lanx aus Lionel Messi, Pedro Gon­zales und David Villa ein­zu­bre­chen. Neue Kon­kur­renz erwächst ihm zudem im her­bei­trans­fe­rierten Ibrahim Afellay und B‑Spieler Jef­frén.

Seine Tor­quote wird zur Bürde

Dass über­haupt so viel über Bojan dis­ku­tiert wird, steht auch und vor allem für: die rie­sige Erwar­tungs­hal­tung an junge Spieler. Er, einst als Jahr­hun­dert­ta­lent gehan­delt, muss sich an seinem sput­nik­ar­tigen Auf­stieg messen lassen. Im ersten Test­spiel für Bar­ce­lona traf er fünf Mal. Immer war er fortan der Kleinste in seinen Mann­schaften, und immer schoss er sie im Allein­gang zum Sieg. Fast 900 Buden knipst er bis zur B‑Elf. Damals ein Segen, heute Bürde. Bojan soll seine Tor­quote auch in der Liga halten, im spa­ni­schen Natio­nal­team eines Tages Fer­nando Torres und David Villa beerben, Welt­fuß­baller werden. Weil er früh debü­tierte, müsse er auch alle anderen Hürden früher nehmen, glaubt man. Nur waltet der Fuß­ball selten mit so logi­scher Strin­genz. Die Hoff­nungen, die der Anhang und die mediale Kara­wane auf den 20-Jäh­rigen pro­ji­zieren, blo­ckieren eine rea­lis­ti­sche Ana­lyse. Nie wird der in Lin­yola Gebo­rene danach beur­teilt, was er tat­säch­lich leistet; immer nur danach, was er dem Glauben nach eigent­lich zu leisten imstande sein müsste. Es ist ein Zerr­bild, dem Bojan nicht ent­spre­chen kann – dieser Tage weniger denn je, da ihn die Knie­ver­let­zung aus dem Spiel gegen Almería zum Zuschauen ver­dammt.

Zuletzt wurde immer wieder über ein Leih­ge­schäft Bojans spe­ku­liert. Das ist inter­es­sant, weil die Gerüchte auf­kamen, obwohl der Spa­nier im Dezember 2010 seinen Ver­trag um wei­tere fünf Jahre ver­län­gerte. Ins­be­son­dere der FC Liver­pool fällt mit lauten Sym­pa­thie­be­kun­dungen auf, auch Juventus Turin klopft an die kata­la­ni­sche Pforte. Einer­seits könnte eine tem­po­räre Unter­brin­gung Bojans in der Fremde dessen Lauf­bahn tat­säch­lich end­gültig kick­starten, ande­rer­seits gemahnt der Fall Gio­vanni dos Santos alle Ver­ant­wort­li­chen zur Vor­sicht. Der Mexi­kaner wurde auch als ​next big thing“ gehan­delt, an Tot­tenham Hot­spur ver­liehen, unzu­frieden zurück­ge­holt, und kämpft aktuell mit Racing San­tander gegen den Abstieg aus La Liga. Es wäre zu früh, um Bojan einen ähn­li­chen Nie­der­gang zu pro­gnos­ti­zieren, zu groß ist sein Talent, zu gut seine Anlagen. Um aus beidem das Optimum zu schöpfen, sollte Bojan ab nächster Saison aber spielen. Von Beginn an.

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