Die Spieler, die er rief – 11FREUNDE

Moritz Volz ist Natio­nal­spieler. Also, zumin­dest durfte er mal den DFB-Trai­nings­anzug und ein DFB-Trikot tragen. Er hörte die Natio­nal­hymne und naschte bestimmt auch mal vom Nutella. Im November 2004 war das. Deutsch­land traf in einem Freund­schafts­spiel auf Kamerun, und Volz war über­ra­schend vom neuen Bun­des­trainer Jürgen Klins­mann nomi­niert worden. Er saß dann aber nur auf der Bank, 90 Minuten lang. Kurz darauf hätte er even­tuell auf einer DFB-Asi­en­reise debü­tiert, nur sein Team war der FC Fulham – und der hatte ein volles Pro­gramm. Volz erhielt keine Frei­gabe. So ist der Ver­tei­diger, der eine veri­table Kar­riere in Eng­land hin­legte, in der DFB-Geschichte kaum mehr als eine Fuß­note.

Wird Josha Vagnoman, der von Hansi Flick für die kom­menden beiden Län­der­spiele berufen wurde, ein ähn­li­ches Schicksal ereilen? Wird er ein Ein­mal­no­mi­nierter bleiben, ein One-Hit-Wonder? Es ist im Grunde müßig, dar­über nach­zu­denken. Viel­leicht wird er die DFB-Elf 2026 zum WM-Titel köpfen oder im Halb­fi­nale der EM 2028 einen Ball von der Linie kratzen. Auch David Odonkor hatte nie­mand vor der WM 2006 auf der Rech­nung. Dann wurde er mit seiner Flanke gegen Polen zu einem der Prot­ago­nisten des soge­nannten Som­mer­mär­chens.

Was wir jetzt, Ende März 2023, sagen können: Vagno­mans Nomi­nie­rung hat, nun ja, fast expe­ri­men­tellen Cha­rakter. Bis­lang hat der Ver­tei­diger des VfB Stutt­gart 15 Bun­des­li­ga­spiele gemacht. In acht Par­tien stand er nicht mal eine Halb­zeit auf dem Platz, und in den ver­gan­genen sieben Spielen kam er nur dreimal zum Ein­satz. Ein Tor hat er nicht geschossen, eines vor­be­reitet auch nicht. Wer jetzt denkt, ist ja Wahn­sinn, so was hat’s noch nie gegeben, der irrt gewaltig.

3 Gar­ni­turen Unter­wä­sche, Wasch­zeug, wenigs­tens 3 Taschen­tü­cher“

Erin­nert sich jemand an Otto Keller? Klar, als wäre es ges­tern gewesen! Der Mann erhielt im Dezember 1958 einen uner­war­teten Anruf von Sepp Her­berger. Keller war damals 18 Jahre alt und spielte in der dritt­klas­sigen Lan­des­liga für den Bochumer Stadt­teil­verein Mär­ki­scher BV Linden. Aller­dings hatte Her­berger für eine Reise nach Ägypten einige Absagen von eta­blierten Spie­lern erhalten. Was viel­leicht mit dem Termin zusam­men­hing: Die Reise star­tete am zweiten Weih­nachtstag und zog sich bis ins neue Jahr.

Es war das erste Mal, dass die deut­sche Natio­nal­mann­schaft auf einem anderen Kon­ti­nent spielen sollte (bei den WM-Tur­nieren 1930 in Uru­guay und 1950 in Bra­si­lien hatte sie nicht teil­ge­nommen). Die Vor­be­rei­tung war daher sehr gewis­sen­haft, auf der Web­site des DFB erfährt man, wie die Spieler damals instru­iert wurden: Mit­zu­nehmen seien ​min­des­tens 3 Ober­hemden, 3 Gar­ni­turen Unter­wä­sche, Wasch­zeug, wenigs­tens 3 Taschen­tü­cher, 2 Hand­tü­cher, bes­ten­falls Per­lon­so­cken, die täg­lich aus­zu­wa­schen sind (dafür eine Tube Wasch­mittel), Schlaf­anzug, Bade­hose, Son­nen­brille“.

Keller war frohen Mutes, denn Her­berger ver­sprach, dass er alle Spieler in Ägypten ein­setzen wollte: ​Ich möchte nicht, dass einer nur zum Spaß ein paar Tau­send Kilo­meter fliegt.“ Es kam aber anders, denn sowohl Otto Keller als auch Ersatz­keeper Fritz Ewert saßen in den zwei Spielen in Ägypten jeweils 90 Minuten auf der Bank. High­light für sie war ein gemein­sames Mann­schafts­foto vor den Pyra­miden von Gizeh. High­light für Tor­hüter Hans Till­kowski war hin­gegen ein Aus­flug auf einen Basar: ​Dort han­delte er den Preis für eine Kamel­figur aus Leder von 80 auf zwölf Piaster her­unter“, infor­miert der DFB.

Eben­falls unge­wöhn­lich war die Nomi­nie­rung von Paul Ziel­inski für die WM 1934. Der Mit­tel­feld­spieler war damals für Union Ham­born in der Bezirks­klasse aktiv, also in der Zweiten Liga. Bei einem Test­spiel der DFB-Elf gegen Ham­born war er Reichs­trainer Otto Nerz auf­ge­fallen, der ihn prompt in sein Auf­gebot nahm. Beim Tur­nier in Ita­lien machte Ziel­inski, Spitz­name ​Lauf­wunder“, alle vier Spiele. Die Mann­schaft wurde Dritter.

Auch später liefen gele­gent­lich Spieler im DFB-Trikot auf, die zum Zeit­punkt ihrer Nomi­nie­rung bei Zweit­li­gisten aktiv waren. Zum Bei­spiel: Fer­di­nand Keller (1975, 1860 Mün­chen), Paul Freier (2002, VfL Bochum), Lukas Podolski (2004, 1. FC Köln) oder Patrick Helmes (2007, 1. FC Köln).

Jede Woche zwei Pfund Fleisch, zwei Brote und ein Abend­essen!“

So unver­hofft wie Mat­thias Mau­ritz kam aber ver­mut­lich kein Spieler zur Natio­nal­mann­schaft. Mau­ritz war näm­lich lange in anderen Sport­arten erfolg­reich. Im Feld­ho­ckey gewann er mit dem Düs­sel­dorfer SC 1940 die deut­sche Jugend­meis­ter­schaft, als Ten­nis­spieler schaffte er es bis auf Platz 11 der Deut­schen Rang­liste. (Im Senio­ren­be­reich gewann er später viermal den EM-Titel.) Als Mau­ritz 1945 aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft heim­kehrte, hatten Freunde ein Fuß­ball­spiel gegen die dritte Elf von For­tuna Düs­sel­dorf orga­ni­siert. Er über­raschte durch Spiel­ver­ständnis und Ball­ge­fühl. Ein Mit­ar­beiter der ersten For­tuna-Mann­schaft, der zufällig vor Ort war, machte dem jungen Mau­ritz ein Angebot, das dieser nicht ablehnen konnte: ​Wenn du zur For­tuna kommst, kriegst du jede Woche zwei Pfund Fleisch, zwei Brote und ein Abend­essen.“ Bei der For­tuna wurde Mau­ritz Leis­tungs­träger, zweimal zog er mit dem Team ins DFB-Pokal­fi­nale ein. Höhe­punkt war die Nomi­nie­rung zu einem A‑Länderspiel gegen Polen am 20. Mai 1959. Mau­ritz war damals schon 34 – und ist damit der älteste Debü­tant in der Geschichte der deut­schen Natio­nal­mann­schaft.

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