Der Dicke aus dem Westen

Wenn der Fuß­ball Images gefunden hat, lässt er sie so schnell nicht mehr los. Frank Mill ist bis heute der Chan­centod, Nor­bert Sieg­mann der Sen­sen­mann und Friedel Rausch der Spieler, der mal von einem Hund gebissen wurde.
 
Gele­gent­lich, wenn sich die Ereig­nisse jähren oder einem aktu­ellen Spieler ähn­li­ches pas­siert, werden die alten Herren ange­rufen oder vor Kameras gezerrt. Dort müssen sie dann erzählen, wie das damals war, mit dem Pfos­ten­schuss in Mün­chen, dem Foul an Ewald Lienen oder der Flucht über den Rasen der Roten Erde. Als hätten sie nie etwas anderes voll­bracht in ihrer Kar­riere.

Wir sind Männer und trinken doch keine Fanta“
 
Wolf-Dieter Ahlen­felder musste auch immer erzählen. Von diesem einen Spiel am 8. November 1975 zwi­schen Werder Bremen und Han­nover 96. Es war seine dritte Bun­des­li­ga­partie über­haupt, und Ahlen­felder erschien betrunken am Sta­dion. Weil Horst-Dieter Höttges die miss­liche Lage des Schieds­rich­ters erkannte, duschte er ihn kur­zer­hand ab und rieb ihn mit Wick ein. Es nützte nichts, der tor­kelnde Schieds­richter pfiff nach 32 Minuten zur Halb­zeit. Als er sich später zu seiner Trun­ken­heit äußern sollte, sagte er: ​Wir sind Männer und trinken doch keine Fanta.“ Noch heute bekommt man in Bremen ein Her­ren­ge­deck, wenn man einen Ahlen­felder bestellt.
 
Diese Geschichte ist tau­sende Male erzählt, zele­briert und aus­ge­schmückt worden. Wolf-Dieter Ahlen­felder, der Mann, der keine Fanta trinkt. Wolf-Dieter Ahlen­felder, der Scherz­bold, der zu früh abpfiff. Wolf-Dieter Ahlen­felder, die Froh­natur aus dem Pott.
 
Gab es ein­fach nicht mehr zu berichten? In einem Inter­view ant­wor­tete er mal auf die Frage, was er den ganzen Tage mache: ​Das hat keinen zu inter­es­sieren. Ich bin Pri­vat­mann und danke dem lieben Gott jeden Tag.“ Also wurde wieder über das Spiel in Bremen gespro­chen oder über seinen Dialog mit Paul Breitner, der einst zu ihm sagte: ​Ahli, Du pfeifst wie ein Arsch.“ Wor­aufhin der Belei­digte ant­wor­tete: ​Paul, Du spielst wie ein Arsch.“ Ahlen­felder machte das Spiel gerne mit. Und die Fans hingen an seinen Anek­doten, als sei er nie Schieds­richter, son­dern Stand-Up-Come­dian gewesen. 

Der ​auto­ri­täre Kumpel“
 
Dabei war Wolf-Dieter Ahlen­felder nicht der Ham­pel­mann, zu dem er später gerne gemacht wurde. Er war einer, bei dem die Zuschauer nickten, wenn er seine Ent­schei­dungen traf und von dem die Spieler sagten, er sei streng, aber nicht arro­gant. Er war einer, der den Sport liebte. Noch mit 58 Jahren lei­tete er Spiele in der Kreis­liga. Als ​auto­ri­tärer Kumpel“, wie er sich selbst mal nannte.
 
Ahlen­felder, Jahr­gang 1944, begann seine Schieds­rich­t­er­lauf­bahn bei Ster­k­rade 08 in Ober­hausen, seiner Hei­mat­stadt. Dabei war er am Anfang Spieler gewesen, doch er hatte X‑Beine und war vor allem Rea­list. ​Nicht jeder wird Super­star. Bei den Schieds­rich­tern herrschte Mangel, da habe ich mich zur Ver­fü­gung gestellt.“ Er merkte bald, dass seine kol­le­giale Art bei den Zuschauern und bei den Spie­lern gut ankam. Er sagte später mal: ​Zum Schieds­richter muss man geboren sein, sonst sollte man lieber auf dem Weih­nachts­markt Cur­ry­wurst ver­kaufen.“

Von 1975 bis 1988 hatte er in der Bun­des­liga gepfiffen und es dort auf 106 Spiele gebracht, in denen er nur vier Rote Karten ver­teilte. Einige Male kam er als Lini­en­richter an der Seite von Walter Esch­weiler im Euro­pa­pokal zum Ein­satz. 1983/84 wurde Ahlen­felder vom DFB als bester deut­scher Schieds­richter mit der ​Gol­denen Pfeife“ aus­ge­zeichnet. 1987 wählten ihn die Bun­des­li­ga­spieler – sie nannten ihn den ​Dicken aus dem Westen“ – mit großem Abstand zum besten Unpar­tei­ischen Deutsch­lands.
 
Richtig groß raus kam er aller­dings nie. Es war ein­fach noch nicht die Zeit, wo man haupt­be­ruf­lich als Schieds­richter arbeiten konnte und in exqui­siten Talk­runden an der Copa­ca­bana über Ent­schei­dungen der Kol­legen phi­lo­so­phieren konnte. In Ober­hausen arbei­tete er als Mine­ral­öl­kauf­mann bei BP. Der Schieds­rich­terjob war Hobby. 24 Mark Tages­spesen bekam er anfangs, später waren es 72 Mark. ​Wenn ich eine Runde geschmissen habe, war der Samstag schon ein Minus­ge­schäft.“ Das Geld hat ihn nie ange­trieben. Er soll mal gesagt haben, dass es die Kame­rad­schaft gewesen sei, die ihn beim Fuß­ball beson­ders fas­zi­nierte. Das Zusam­men­sein nach den Spielen.

Ich habe einen ver­dammten Scheiß-Jahr­gang erwischt.“
 
Den­noch: Später machte es ihn auch traurig, wenn er sah, wie all die Markus Merks, Pier­luigi Col­linas oder Howard Webbs mit Roll­kof­fern in die schi­cken Hotel­lobbys kamen und aus­sahen wie Pop­stars. ​Ich habe meiner Frau immer gesagt, ich habe einen ver­dammten Scheiß-Jahr­gang erwischt.“
 
Als Ahlen­felder schließ­lich doch mal ein biss­chen Profit aus seiner Popu­la­rität schlagen wollte, war Schluss. 1988 hatte er einen Wer­be­deal mit dem japa­ni­schen Foto­kon­zern Fuji abge­schlossen. Die Wer­bung war zwar von DFB-Prä­si­dent Her­mann Neu­berger aus­drück­lich geneh­migt worden, doch sie war im Schieds­rich­ter­aus­schuss umstritten. Ver­schie­dene Funk­tio­näre begannen an Ahlen­felder rum­zu­nör­geln. Er sei über­ge­wichtig und habe uner­laubt Fir­men­spiele geleitet. Die Kritik setzte Ahlen­felder so sehr zu, dass er kurz vor der EM im eigenen Land sagte: ​Ich pfeife nie wieder ein Spiel.“ Er machte sein Ver­spre­chen wahr. Was ihm der Wer­be­deal ein­ge­bracht hatte? Ein Kurz­trip zum Foto­shoo­ting nach Nizza und magere 2875 Mark inklu­sive Mehr­wert­steuer. Ahlen­felder bekam für ein paar Tage das Gefühl von der großen weiten Welt. Zum ersten Mal.

Am 2. August starb Ahlen­felder, der seit Jahren schwer zucker­krank war, im Alter von 70 Jahren. Die letzten Jahre hatte er mit seiner Frau in Ober­hausen-Holten gelebt.

You Might Also Like