Wer erinnert sich nicht gerne an die Wintertage, an denen man sich mit einer heißen Schokolade aufs Sofa fläzte, DSF anschaltete und seine Lieblingsspieler beim Budenzauber bewundern konnte? Bundesliga-Vereine, die sich bei Kleinfeldturnieren in der Halle intensive Zweikämpfe lieferten und spektakuläre Tricks präsentierten, die man danach in FIFA Street auf der Playstation nachspielte. Spätestens mit der Einführung des Wortes „Belastungssteuerung“ endete das Kapitel Budenzauber und wich den immer gleichen Testspielen. Ihren Zauber hat die Bude aber nicht verloren, Hallenfußball ist momentan so beliebt wie nie. Spätestens seit den sogenannten Eligella Cups des Berliner Streamers Elias Nerlich ist das Format gerade bei jungen Fans in Deutschland wieder extrem angesagt. Zunächst recht simpel aufgebaut, war die dritte Ausgabe des Pokals im September ein echtes Massenevent vor ausverkaufter Mercedes-Benz-Arena und hunderttausenden Zuschauenden im Livestream auf Joyn.
Mit der Zeit gehen
Nun wird das Phänomen weiter kommerzialisiert. Mit Toni Kroos und ebenjenem Elias Nerlich verkündeten nach Mats Hummels und Lukas Podolski sowie Gerard Piqué die nächsten Prominenten die Gründung einer Kleinfeldliga. Während Hummels und Podolskis Liga mit zwölf Teams am 8. Januar 2024 startet, dauert es bei Kroos und Nerlich wohl noch bis mindestens Sommer. Eines wird sich jedoch gleichen: Neben Ex-Profis und begabten Amateurfußballern werden auch Prominente aus der Entertainmentbranche die Schuhe schnüren. Doch was versprechen sich die Gründer von ihrem Konzept? Ist es die Liebe zum Sport oder eine ausgeklügelte Investition in dessen Zukunft? Beides? Nicht zu bestreiten ist: Alle fünf Protagonisten treffen den Nerv der Zeit. Der Fußball erreicht die Jugend nicht mehr, wie er es einst tat. Das geht aus Studien der BBC, SPOAC oder dem Institut für Generationenforschung hervor. Der DFB verlor beispielsweise zwischen 2009 und 2019 18 Prozent seiner Nachwuchsmannschaften und neun Prozent seiner jugendlichen Mitglieder. Auch Großbritannien meldet alarmierende Zahlen: Nur vier Prozent aller Dauerkarten gehören 18 – 24-jährigen.
Diese Wahrnehmung beschreibt auch „Baller League“-Gründer Hummels in der Sport Bild: „Wenn ich einen Vergleich zu meiner Jugend ziehe, habe ich den Eindruck, dass die junge Generation ein Stück weit die ganz große Liebe für das Fußballspiel, wie es seit Jahrzehnten besteht, verloren hat.“ Für Real-Präsident Florentino Perez schon vor zwei Jahren ein Grund, radikale Änderungen am Gesamtpaket Fußball ins Spiel zu bringen, ganz nach dem Motto „geh mit der Zeit, sonst gehst du mit der Zeit“: „Die jungen Leute sagen: Die Spiele sind ihnen zu lang. Also müssen wir etwas ändern, wenn wir wollen, dass der Fußball weiterlebt.“ Die Spieldauer ändern? Ein Vorschlag, der auf wenig Gegenliebe stieß. Ganz aus der Luft gegriffen scheint er aber nicht. Dass unsere durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne immer geringer wird, ist kein Geheimnis. Ein Reel jagt das nächste, ein TikTok das andere. Ein Chartlied im Jahr 2020 war im Durchschnitt eine ganze Minute kürzer als 1980. Lange Fernsehsendungen weichen kompakteren Formaten auf Youtube.
„Es wird ein Brett!“
Wer hat in einer solchen Zeit noch die Muße, sich 90 Minuten lang ein chancenarmes 0:0 zwischen Hertha BSC und Hansa Rostock anzuschauen? Selbst die viel zitierten Taktikliebhaber, für die solche Spiele eigentlich gemacht sein sollen, greifen in diesen Fällen wahrscheinlich immer häufiger zum Handy. Genau in diese Kerbe schlagen die neugegründeten Fußballligen. Sowohl in der „Kings“- als auch in der „Baller-League“ werden statt 90 Minuten nur 40 gespielt. Das Kleinfeld garantiert mehr Action und damit es auch ja nicht zu langweilig wird, gibt es sogar Ereigniskarten, die im Laufe einer Partie von den Trainern ausgespielt werden können. Dazu gehören zum Beispiel Sanktionen (ein gegnerischer Spieler wird für zwei Minuten des Feldes verwiesen), Elfmeter oder eine Regel, die für zwei Minuten eigene Tore doppelt zählen lässt. Toni Kroos redet von einem „schnelleren, abwechslungsreicheren, actionreicheren, ereignisreicheren Spiel, in dem es plötzlich unvorhergesehene Wendungen geben kann“ sowie „einem Fußball mit mehr Toren und Entertainment“. Es wird alles dafür getan, um die Spiele so kurzweilig wie möglich zu gestalten und die Menschen an den Bildschirm zu fesseln.
Mit der Romantik des DSF-Budenzaubers hat das nur noch wenig zu tun, das wird den meisten Zuschauenden aber reichlich egal sein. Großer Pluspunkt: In Zeiten der explodierenden Preise, in denen man als Fußballfan mit DAZN, Sky und Amazon Prime gleich drei Abos für knapp 560 Euro im Jahr abschließen muss, um Bundesliga und die internationalen Wettbewerbe zu sehen, sind die Kleinfeldspiele kostenlos erhältlich. Sowohl die „Baller“- als auch die „Icon League“ werden auf Twitch gezeigt. International legte die Kings League von Piqué bereits beeindruckend vor: An den zwölf Spieltagen ihrer ersten Saison wurden nach OMR-Recherchen durchschnittlich jeweils rund 12,7 Millionen Live-Views über TikTok, Youtube und Twitch erzielt. Beim abschließenden Final-Four-Turnier Ende März waren es sogar 25,4 Millionen Live-Streams. Über die gesamte dreimonatige Saison kam die Eventreihe damit auf 164,8 Millionen Live-Views – zusätzlich zu den 92.522 Fans vor Ort im Camp Nou. Gut möglich, dass auch die deutschen Pendants in ähnliche Sphären vorstoßen werden. Oder wie Nerlich in zwei Sätzen kurz und knapp prognostiziert: „Es wird ein Brett. Ich glaube an das Projekt, weil es geil ist.“
Was diese Entwicklung für den guten, alten, klassischen Fußball bedeutet, ist noch nicht absehbar. Sowohl Hummels als auch Podolski beteuern, dass sie mit ihrem Format nicht in Konkurrenz mit der Bundesliga treten wollen. Wenn die Zuschauerschaft aber doch zu ihnen abwandern sollte, würden sie sich sicherlich nicht beschweren. Ist diese Action- und Serotoninmaximierung nur ein Trend oder erleben wir hier gerade wirklich die „TikTokisierung des Fußballs“, wie die Zeit vor einem Monat schrieb? Wir warten ab und schauen uns derweil die Highlights des letzten DFB-Hallenpokals aus dem Jahr 2001 an.